Guido L., der DDR-Gulag Karl-Marx-Stadt, die Hauptstadt des Grauens Chemnitz

Als Guido am fünften Tag des neuen Jahres bei Seite 11 der FP war, las er den Artikel über die empörten Chemnitzer zweimal. Zeitung weg legen, Internet auf, taz.de-Artikel lesen. Ausdrucken. FP noch mal lesen. Er begriff die Empörung nicht. Zwei Tage später tobte sie im Leserforum der FP weiter. Ja, sie steigerte sich zu „Rechtliche Schritte prüfen“. Das war gar nicht mehr zu verstehen. Der junge Mann, freischaffender Journalist, hatte genau im modischen Zeitgeist (für Kenner – Mainstream) geschrieben. Wie, fragte sich Guido, soll er denn sein Geld verdienen, wenn er den Zeitgeist nicht bedient? Was wollen die Leute nur?
Schon aus der Überschrift springt Stalinismus (Gulag), Stasisynonym (Grauen) heraus, leitet zum Bild eines verstrahlten, nur in Chemnitz bekannten unbedeutenden Philosophen als Meteorklumpen weiter und beschreibt fortführend das unsäglich düstere Grau des Ostens, der vor 21 Jahren verblichenen DDR.
Dann kommt er zum zweiten Höhepunkt. Chemnitz in der „Aura“ von Tschernobyl, Nordkorea und Stalingrad 1943. Bei Stalingrad konnte ihm Guido nicht ganz folgen. Sein Vater hätte sicher lieber im Gulag Karl-Marx-Stadt weiter gelebt, als in Stalingrad für „Großdeutschland“ zu fallen. Die beiden anderen Auren sind zeitgemäß. Das weiß Guido aus dem Fernsehen. Schließlich kann der Journalist nicht Fukushima, Irak und Kabul schreiben. Das wäre nicht zeitgemäß. Die weitere Beschreibung suizidgefährdeter Ostdumpfbacken mit Mauer, Platte und Hartz IV-Empfängern entspricht eigentlich dem heutigen Zeitungsjargon. Ordnungsgemäß kommt auch der Begriff „Zone“ für DDR, grausames DDR-Regime, Bewohner in unkalkulierbaren Risiken. Kackbraun, aschgrau, einmauern - liegen auch vor. Nun, sagt sich Guido, nichts fehlt, was in einen ordentlichen Artikel über den Teil Deutschlands gehört, der früher DDR hieß. Nur weil der Autor ein Oberfranke ist, noch jung und politisch nichts anderes gehört hat als das, was er geschrieben hat, wird er zum Buhmann gemacht. Der Bundesverdienstkreuzträger Wolf Biermann schreibt „An die Laternen, an die Laternen“ … „linke Canallien“ … (LINKE) „Partei der Spitzel“ … „Politmumien“.
Freya Klier, Bürgerrechtlerin, Freiheits- und Friedenskämpferin bis 2.1.1990, schreibt Wochen vor dem Artikel des jungen Herrn Gückel in der WELT.online (21.11.11): „Schuld am Rechtsextremismus? Die LINKE!“ … „von der DDR 40 Jahre Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit gepflegt“ … „wurde in der DDR wegen meiner dunklen Haare als Judenvotze ausgemacht (von Punk mit Springerstiefeln), habe nie erwartet,dass ein Ostberliner Volkspolizist mir hilft“ … „wer nicht zu arbeiten gedachte, fand sich als Asozialer hinter Gittern wieder, wo er zur Arbeit gezwungen wurde, für einen Sklavenlohn.“ … „und aus einem zurück bleibenden dumpfen Klima fliehen verständlicher Weise nun auch die Glaubwürdigen der jungen Generation.“
Guido hatte auch das Interview des Leiters der Forschung SED-Staat der Freien Universität Berlin, Herrn Schroeder, in der FP gelesen, „Aus Klassenhass wurde Rassenhass“. Es war ihm neu, dass der Rechtextremismus erst 1990 richtig begann. Er hatte angenommen, dass der Rechtsextremismus die BRD in dem selben Maße wie heute schon 50 Jahre begleitet. Die Tatsachen belegen das auch. Wer weiß, auf welche Quellen Herr Schroeder zurück gegriffen hat. Diese drei Beispiele bestärkten ihn, dass der junge Oberfranke Michael Gückler nur das wiedergegeben hat, was er in Schule und Studium gelernt hat. Dass nun auch noch die Oberbürgermeisterin von Chemnitz aufmuckt gegen Herrn Gückler, ist für ihn unverständlich. Kein Mensch regt sich auf, wenn die BILD-Zeitung einen Bundespräsidenten abschießt, um ihren beinharten neoliberalen Kandidaten Pastor Joachim Gauck in Stellung zu bringen und die Tagesschau lässt aus einem Häuflein Demonstranten vor dem Präsidentenpalais einen Mann nach der Lichtgestalt Gauck als Bundespräsident rufen. Hat sich jemand aufgeregt, als die „Junge Welt“ am 13. August 2011 auf der Titelseite einen Kampfgruppenmann mit MPi zeigte und den Soldaten der DDR für die Sicherung des Friedens dankte? Nein! Das ist Demokratie und Satire, Frau OB.
„Satire darf alles“, soll Tucholsky gesagt haben. Als Guido an seinem Grab stand, über den See in der Abendsonne Schloß Gripsholm sah, stand er plötzlich neben ihm. „Merk dir Guido, Satire darf alles, naja, fast alles. Was politische Satire ist, legen aber die fest, die die Meinungsmachmaschine in der Hand haben. Du in Sachsen musst dich langsam aus dem Staub machen. Nicht gleich so abrupt wie ich, aber bedenk es. In Sachsen trennt man den Antifaschismus von der Demokratie und umgekehrt.
Dresden könnte das zweite Nürnberg werden. Und reg dich ab, dass die taz keine linke Zeitung ist. Die FP, die das schreibt, steht so weit rechts, dass die taz links erscheint.“ Tucholsky war weg. Es dämmerte in Mariefred. Der Weg vom Friedhof nach Chemnitz fiel Guido schwer. Tucholsky hatte ihm, ohne es zu sagen, klar gemacht, dass er schon drei Mal in seinem Leben die Arschkarte gezogen hat. Erst wohnte er 20 km zu weit östlich des „Eisernen Vorhangs“, um „Marshallplan“ und „Schaufensterfunktion“ genießen zu können.
Zweitens ist er für diesen ostdeutschen Staat „DDR“ eingetreten, weil der für soziale Gerechtigkeit und Frieden stand, gegen Kriegsverbrecher, Nazis und Judenmörder in hohen staatlichen Ämtern. Drittens lehnt er sich, nachdem er zur BRD beigetreten wurde, ohne Aussicht auf Gewinn, gegen die herrschende Meinungsmachmaschine auf. Der Tanz um das „Goldene Kalb“, den der größte Blender und Betrüger gewinnt, ist nicht sein Tanz. Irgendwie aber ist er doch zufrieden. Stolz, menschliche Würde und Ehrlichkeit gegenüber den Menschen hat er nie aufgegeben.
G.L.
