Christliches Credo: Vom Gebet zur Tat

- Pfarrer Hans-Jochen Vogel bei einer Friedenskundgebung.
Vor sechs Jahren, am 27. Dezember 2005, starb nach schwerer Krankheit Hans-Jochen Vogel. Der Christ protestantischer Konfession, der Gemeindepfarrer, der evangelische Studentenpfarrer in Karl-Marx-Stadt und Chemnitz, der Antifaschist, Friedenskämpfer, vor allem aber der unbeirrbare, kluge, kritische Geist und sozial engagiert tätige Mensch.Es mag ungewöhnlich sein, dass in unserer Zeitung ein Artikel zum Gedenken an einen Christen erscheint. Aber schon unmittelbar nach dem Tod von Hans-Jochen Vogel hatte ich für "DkB" einen persönlichen Erinnerungsartikel geschrieben. Wie viele in unserer Partei hatte ich Hans-Jochen Vogel nach 1989 kennen gelernt. Unser erstes Zusammentreffen fand auf Einladung der christlichen Friedensinitiative im Umweltzentrum zur Organisierung der Proteste gegen den 1.Golfkrieg statt. Sehr schnell merkten wir, dass die Gräben, die uns früher trennten, eigentlich keine waren und wir im Grunde das Gleiche wollten: Eine Welt ohne Kriege, ohne Armut, Hunger und soziale Ängste, ohne Glaubens- und Rassenhass, eben eine menschliche Welt. Aus dieser Gemeinsamkeit erwuchs eine 15-jährige aktive, vertrauensvolle und solidarische Zusammenarbeit.Als die NATO, angetrieben von der Bundesregierung von SPD und Bündnis90/Grüne, den Jugoslawienkrieg vom Zaune brach, zerrte die bundesdeutsche Justiz Hans-Jochen vor Gericht. Wegen seines Aufrufes an die Soldaten, sich nicht am Krieg zu beteiligen und zu desertieren, sollte er verurteilt werden. Als ausgewiesenem Verfechter der Aktion "Schwerter zu Pflugscharen" ist ihm das in der DDR nicht passiert.Hans-Jochen musste freigesprochen werden. Eine von der damaligen PDS initiierte breite, öffentliche Solidaritätsbewegung zusammen mit der Verteidigung durch RA Klaus Bartl (MdL/PDS) hat maßgeblich dazu beigetragen.Als der Hamburger Neofaschist Worch in Chemnitz einen rechten Aufmarsch gegen die Ausstellung "Die Verbrechen der Wehrmacht" organisierte, stand Hans-Jochen mit an der Spitze der 8000 Gegendemonstranten, deren erklärtes Ziel es war, den Aufmarsch der der Nazis zu verhindern, zumindest aber empfindlich zu stören.
Kennzeichnend für Hans-Jochen war immer, Friedensarbeit und Antifaschismus dürfen sich nicht in Symbolik erschöpfen, die muss sein, aber sie verändert noch nichts. Vom Gebet zur Tat, dass war sein christliches Credo. Ganz im Sinne von Goethes Dr. Faustus: Im Anfang war die Tat.Interessant war für mich immer wieder, wie Hans-Jochen in vielen, zumeist abendlich-nächtlichen Gesprächen seine Überlegungen von der Bibel über Marx bis zu Lenin entwickelte. Eine Erkenntnis war, es gibt keine unbeschränkte Freheit. Sie findet ihre Grenzen dort, wo der alte Menschenhass auch in neuem Gewande wieder gesellschaftsfähig gemacht wird. Dem gilt es mit allen Mitteln, zivilgesellschaftlichen und juristischen, entschieden entgegen zu treten. So stand für Hans-Jochen das Recht auf Demonstrationsfreiheit und Versammlungsfreiheit nie losgelöst von den übergeordneten politischen Zielen. Für ihn war das eine elementare Lehre aus der deutschen Geschichte. Widerstand zu leisten gegen Neofaschismus, Rechtsradikalismus, Rassen- und Religionshass, Fremdenfeindlichkeit und Kriegstreiberei gehörte für ihn zu den Rechten eines wehrhaften Demokraten. Dabei alle Kräfte zu einen, war für ihn ein grundsätzliches Gebot. Einer Trennung zwischen so genannter bürgerlicher Mitte und alternativen, auch linken, Kräften hat Hans-Jochen nie das Wort geredet. Auch das war für ihn geschichtliche Lehre. Die bürgerliche Mitte hatte 1933 den Faschismus nicht verhindert.An der Stelle wird auch die bundesdeutsche Justiz einschließlich ihrer Ermittlungsorgane entscheiden müssen, in welcher Tradition sie stehen wollen. Wollen sie weiterhin wehrhafte Demokraten verfolgen und die Nazis, im Wortsinne und im übertragenem Sinn, laufen lassen oder wollen sie sich zu dem Berliner Rechtsanwalt Hans Litten bekennen, der juristischen Sachverstand im Kampf gegen den aufkommenden Faschismus einsetzte und dafür von den Faschisten im Gestapo-Keller erschlagen wurde.Seit Jahren machen sich auch in Chemnitz wieder rechte Gedanken und Kräfte breit. Für ihre geschichtsverfälschenden Darstellungen nehmen sie den 5. März zum Anlass. Ursache und Wirkung der Zerstörung von Chemnitz am Ende des von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieges sollen verdreht werden. Zu seinen Lebzeiten hat Hans-Jochen Vogel immer in vorderster Reihe gestanden, wenn es galt, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Mit anderen zusammen hat er den "Chemnitzer Friedenstag" am 5.März begründet. Gedenken und Erinnern sollten an diesem Tag mit Aufklärung und Aufrüttelung zur Tat verbunden werden. Die Tat 2012 wäre für ihn gewesen, den geplanten rechten Aufmarsch zu verhindern, zumindest aber ernsthaft zu behindern. Gemeinsam mit christlichen, bürgerlichen, ganz normalen Menschen, allen staatlichen Institutionen muss das unser politisches Ziel sein. Das Wirken des Jenaer Oberbürgermeisters und Pfarrers kann dafür beispielgebend sein.Wenn wir alle gemeinsam so herangehen, dann werden wir in der Erinnerung an Hans-Jochen Vogel seinem Wirken gerecht und, um es noch einmal mit Goethe zu sagen, wird die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen.
Hubert Gintschel
